In Trance unterm Messer
Mittwoch, den 13. Mai 2009 um 10:15 Uhr
Während ihr die Haut vom Gesicht gezogen wird, wandelt die Patientin in Gedanken durch einen Blumengarten. An der Universitätsklinik von Lüttich ist Hypnose eine Alternative zur Vollnarkose. Das ist kein Hokuspokus, sondern ein wirksames Verfahren - wenn man dafür empfänglich ist.

Mitten in der Operation öffnet die Patientin plötzlich die Augen. Da ist Jean Fissette, der Chirurg, bereits eine gute Stunde an ihrem Gesicht zugange. Er hat die Haut von der rechten Schläfe bis zum Ohr aufgeschnitten und sie bis zur Nase abgezogen, sodass das rohe Fleisch der Wangen bloßlag. Dann hat er sie straffgezogen und mit sorgfältigen Stichen wieder festgenäht. Blut sickerte in die blonden Locken der Frau und tropfte von dort auf Fissettes Schuhe. Es hat auch seine behandschuhten Hände bereits gründlich verschmiert, dabei ist die Schönheitsoperation erst halb vorbei - die linke Seite muss noch geliftet werden.

Als die Patientin die Augen öffnet, verharrt Fissette. Maske und Haube verdecken den größten Teil seiner Mimik, sie lassen nur ein paar faltenumkränzte Augen frei. Aus diesen blickt er die Patientin prüfend an. Er sagt keinen Ton.

Bei einer normalen Operation wären die offenen Augen eine Katastrophe - ein Zeichen dafür, dass der Cocktail aus Betäubungsmitteln zu niedrig dosiert war und die Patientin vorzeitig aus der Narkose gedriftet ist. Doch das hier ist keine normale Operation. Zwar hängt die Patientin an einem Tropf, aber sie ist nicht narkotisiert. Sondern hypnotisiert.

Sie liegt in einem modernen Universitätskrankenhaus in der belgischen Stadt Lüttich und wird von Ärzten betreut, für die Vollnarkosen Routine sind - auch bei Eingriffen wie dem ihren. Dennoch hat sie sich dagegen entschieden. Stattdessen verlässt sie sich auf die Methode von Heilern im antiken Babylon, von Schamanen und Medizinmännern. Eine Methode, bei der selbst Experten bis heute streiten, wie sie funktioniert - und ob sie überhaupt funktionieren kann.

Auf Kopfhöhe der Patientin steht ein CD-Spieler, aus dem sanfte Musik und Vogelgezwitscher plätschern. Daneben sitzt Marie Elisabeth Faymonville, die Narkoseärztin, die an diesem Morgen das Hypnotisieren übernommen hat. Die Professorin hat kastanienbraune Locken, trägt eine golden eingefasste Brille und strahlt die unerschütterliche Souveränität einer erfahrenen Lehrerin aus. Sie hält die Hand der blonden Patientin und versichert ihr immer wieder mit beruhigender Stimme: »Sie liegen ganz entspannt, Sie fühlen sich ganz wohl«, während sie gleichzeitig ein scharfes Auge auf die Monitore hält, die piepend und grün flickernd Herzschlag, Atemfrequenz und Puls der Operierten vermelden.

»Bitte schließen Sie die Augen wieder«, sagt Faymonville nun. Die Frau auf dem Operationstisch gehorcht. Der Chirurg hebt wieder das Skalpell.

Seit 14 Jahren setzen Faymonville und ihre Kollegen immer wieder Hypnose ein, um Patienten, die das möchten, eine Vollnarkose zu ersparen, bisher schon rund 5100 Mal. Damit verzichten sie durchschnittlich siebenmal pro Woche darauf, einen Menschen mit sinnesraubenden Medikamenten voll zu pumpen und versetzen ihn stattdessen in einen Trancezustand, in dem er von seiner Umwelt - den Messern, den Nadeln, dem zertrennten Gewebe - nichts mitbekommt. Während die Patienten tschilpenden Vögeln oder rauschenden Wellen lauschen, brechen die Mediziner mit Hammer und Meißel Nasen und setzen sie formschön wieder zusammen; sie schneiden Brüste auf und schälen Tumore heraus, schnippeln an Schilddrüsen und entfernen Gebärmütter. »Die Langzeitwirkungen von Vollnarkosen sind ja noch gar nicht gut erforscht«, sagt Faymonville. »Wenn man sie vermeiden kann, sollte man das tun.

In Deutschland und anderswo wird Hypnose auch zunehmend angewandt, um Rheuma- und Migränepein zu lindern, Angstpatienten beim Zahnarzt zu entspannen, Verbrennungsopfern den Verbandswechsel zu erleichtern, posttraumatischen Stress zu therapieren, werdenden Müttern eine medikamentenfreie Geburt zu ermöglichen, Schlafprobleme zu kurieren, Stress zu bewältigen sowie um Rauchentzug und Diäten zu unterstützen. Die Deutsche Gesellschaft für Hypnose - ein Verband, der sich 1982 mit 24 Mitgliedern gründete - wuchs in den vergangenen Jahren auf rund 700 Angehörige, unter ihnen Kinderärzte, Internisten und Gynäkologen.

Die große Mehrheit der Ärzte freilich schreckt vor Hypnose zurück, und man mag es ihnen nicht verdenken. Denn außerhalb der Arztpraxen genießt die Hypnose weiterhin ungebrochene Beliebtheit in der Unterhaltung der Massen. Bühnenhypnotiseure in der ganzen Welt haben die Lacher auf ihrer Seite, wenn sie einem Opfer aus dem Publikum einreden, er sei ein schwuler Friseur.

Was steckt hinter dem merkwürdigen Phänomen Hypnose? Seit kurzem versucht die Wissenschaft, diese uralte Frage mit Hilfe moderner Geräte wie Magnetresonanz- oder Positronen-Emissions-Tomografen (PET) zu beantworten. Was sie bislang herausfanden, wirft allerdings oft mehr Rätsel auf, als es löst.

Hypnose wurde in Europa erstmals im 18. Jahrhundert populär. Damals glaubte ein österreichischer Arzt namens Franz Anton Mesmer, dass körperliche Leiden von Störungen in einer Kraft, die er »animalischen Magnetismus« nannte, verursacht werden und durch Magnetfelder kuriert werden könnten. Seine These wurde so populär, dass er Gruppenheilungen abhielt, bei denen seine Patienten um Holzwannen saßen, die Mesmer mit Eisenspänen, Glaspulver und angeblich magnetisiertem Wasser gefüllt hatte. Während die Kranken Stäbe umklammerten, die aus den Wannen ragten, fielen viele in etwas, das Mesmer als »Krise« bezeichnete und moderne Ärzte vermutlich als epileptischen Anfall diagnostizieren würden. Unter Mesmers Nachfolgern entwickelte sich daraus eine schlafwandlerische Trance, in der die Betroffenen scheinbar willenlos Anweisungen folgten, an die sie sich später nicht mehr erinnern konnten (hypnos stammt aus dem Griechischen und bedeutet Schlaf).

Ein vom französischen König einberufenes Untersuchungsgremium - in dem unter anderem der amerikanische Botschafter Benjamin Franklin saß - kam allerdings zu dem Schluss, dass der therapeutische Effekt der Mesmerschen Trancen auf »Einbildung« beruhe. Viele spätere Zeitgenossen schlossen sich der Auffassung an. Manche taten Hypnose sogar als eine Form der Hysterie ab. Bis heute sind auch Theorien populär, die in der Hypnose eine Art kollektiv vereinbartes Rollenspiel sehen. Anders gesagt: Wir gackern nur deshalb wie ein Huhn, wenn ein Bühnenhypnotiseur uns das aufträgt, weil es alle erwarten - nicht weil wir nicht anders könnten.

Auch Stephen Kosslyn glaubte dies einst - bis vor vier Jahren. Damals untersuchte der Psychologe von der Harvard-Universität gemeinsam mit Kollegen eine Gruppe gut hypnotisierbarer Probanden. (Experten gehen davon aus, dass zehn Prozent aller Menschen besonders stark für Trance empfänglich, weitere zehn Prozent dagegen gar nicht hypnotisierbar sind.) Die Forscher legten die Testpersonen in einen PET und zeigten ihnen Dias, die entweder farbig oder schwarz-weiß waren. Im letzteren Fall wurden die Probanden aufgefordert, sich die Farbe vorzustellen. Dies wurde unter Hypnose wiederholt.

Was Kosslyn über den PET erspähte, verblüffte ihn: Waren die Testpersonen nicht hypnotisiert, zeigten die Farberkennungszentren ihrer Gehirne messbar weniger Aktivität, wenn die Leinwand schwarz-weiß blieb. Befanden sie sich aber in Trance, feuerten die gleichen Hirnregionen wie vor dem farbigen Dia. Mit anderen Worten: Wenn dem Gehirn unter Hypnose eine Farbe eingeflüstert wurde, dann sah es sie - es konnte zwischen Realität und Suggestion nicht unterscheiden.

Umgekehrt kann ein Mensch in Trance auch ignorieren, was tatsächlich existiert - etwa Schmerz. Als Forscher in Iowa kürzlich Testpersonen suggerierten, dass ein kühlender Handschuh ihren Daumen vor einer unangenehm heißen Elektrode schütze, schalteten diese bestimmte Gefühlszentren einfach ab. »Das Schmerzsignal kam zwar noch an, aber es wurde von den höheren Hirnregionen nicht mehr als Schmerz festgestellt«, sagt der Studienleiter, Sebastian Schulz-Stübner aus Iowa. Stattdessen aktivierte das Nervensystem verstärkt andere Regionen des Großhirns. Der Geist falle in »eine Art Super-Konzentration, in der die mentalen Bilder so stark werden können, dass sie die tatsächliche Wahrnehmung blockieren«, staunt der Harvard-Psychologe Kosslyn.

Wie das Gehirn diese extreme und selektive Konzentration erreicht und warum es dabei offenbar das kritische Urteilsvermögen aushebelt, ist noch ein Rätsel. Doch viele Forscher glauben heute, dass die meisten von uns sehr viel öfter in hypnoseähnliche Zustände gleiten, als wir vermuten. »Sind Sie schon einmal Auto gefahren und konnten sich hinterher nicht erinnern, was Sie unterwegs gesehen haben?«, fragt Faymonville. »Genau das ist es.« Auch wer derart in einen Schmöker versinkt, dass er die Welt um sich vergisst, ist laut Faymonville schon fast hypnotisiert.

In der Tat findet sie den Zustand so alltäglich, dass sie darauf verzichtet, mit ihren Patienten zu »üben«. Und die Vorbereitungen im Operationssaal selbst haben die Banalität einer Salatbestellung im Restaurant. »Möchten Sie Meer, Berge oder Garten?«, fragt Faymonville die Patientin, nachdem sie sie begrüßt hat. Nach der Klärung einiger Details - was für ein Garten, wo soll er liegen - legt die Anästhesistin die CD ein und bittet die Patientin, sich auf einen beliebigen Punkt im Operationssaal zu konzentrieren. Mit zunächst munterer, dann immer sanfterer Stimme beschwört Faymonville eine botanische Szenerie, durch die sie ihre Patientin spazieren lässt. »Sie konzentrieren sich auf einen Gegenstand und untersuchen ihn im Detail. Sie erlauben sich, ganz entspannt zu sein.« Innerhalb weniger Minuten fallen die Augen der Patientin zu. Sie rührt sich nicht, als eine Schwester sterile Tücher um sie feststeckt und direkt über ihrem Gesicht das gleißende OP-Licht anspringt. »Gaaaanz entspannt«, murmelt Faymonville, während Fissette wieder und wieder eine Spritze mit Lokalbetäubung in die empfindliche Wangenpartie sticht.

Fallbeispiele beweisen, dass es möglich ist, selbst auf Lokalanästhesie zu verzichten. Das heutige Interesse an Hypnose lässt sich zumindest teilweise auf Erfahrungen von Militärärzten im Zweiten Weltkrieg zurückführen, die gelegentlich ohne Betäubungsmittel operieren mussten. Doch nur eine tiefe Trance verhindert dann, dass der Patient leidet - ein Risiko, das die Ärzte heute generell scheuen. »Nicht jeder kann so ein tiefes Stadium erreichen. Und ich muss mit allen arbeiten können«, sagt Faymonville, die zur Sicherheit noch eine Prise Schmerzmittel über den Tropf zufügt. »Aber was wir dem Patienten geben, sind homöopathische Dosen - weniger als ein Prozent einer Vollnarkose.«

Untersuchungen zeigen, dass Hypnose zahlreiche Körperfunktionen wie Atemfrequenz, Blutdruck und Puls beeinflusst. Patienten, die in Trance operiert werden, haben weniger Komplikationen, bekommen weniger Entzündungen und erholen sich schneller - was den Krankenhäusern Geld spart. Über Mechanismen, die noch nicht geklärt sind, lässt Hypnose zudem Warzen verschwinden, verdoppelt die Erfolgsquote bei künstlichen Befruchtungen, lindert Symptome des Ohrenpfeifens Tinnitus und dämpft selbst allergische Reaktionen. Die Effekte sind größer als die eines Placebos.

Dennoch wird Hypnose vermutlich weiter eine Nischentherapie bleiben. Die meisten Ärzte blieben skeptisch, hat Faymonville festgestellt. »Dabei wissen wir etwa auch bei Vollnarkosen nicht genau, wie sie funktionieren.«

Im OP-Saal fährt Fissette noch einmal glättend mit dem Finger unter die Haut, setzt die abschließenden Stiche. Mit einem Ächzen richtet sich der Chirurg auf. Faymonvilles Stimme wird munterer, die Patientin regt sich. Auf Zuruf der Anästhesistin öffnet sie erneut die Augen, und dieses Mal liegt Erkennen darin. Sie habe nichts gespürt, versichert sie sofort. Und dass sie mitten in der OP »aufwachte«? Sie kann sich nicht daran erinnern.

Von Ute Eberle | © ZEIT Wissen 03/2006

 

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